Henriette Hermann @gedankenheimkehr
Die Schule hat das Lesen kaputt gemacht. Uns wurde das Lesen beigebracht,…
Die Schule hat das Lesen kaputt gemacht. Uns wurde das Lesen beigebracht, wie man lernt, auf Glasscherben zu laufen, mit Angst vor jedem falschen Schritt und dem Schmerz der kleinsten Lücke. Man hat uns Bücher als Rezept übergeben, ohne uns zu sagen, wie sie heilen könnten. Sie wurden uns als Belastungen auferlegt, ohne uns zu zeigen, dass sie die Welt erleichtern können. Uns wurde beigebracht, Sätze zu enthüllen, Metaphern zu verfolgen, Texte zu sezieren, bis sie weder Atem noch Fleisch mehr hatten. Uns wurde beigebracht zu lesen, ohne zu hören, zu rezitieren, ohne zu verstehen, zu lernen, ohne zu fühlen. Also haben wir gelesen, um zu gehorchen. Man hat gelesen, weil man es musste. Man hat gelesen, wie man eine Strafe erduldet, ohne zu fliehen. Und eines Tages schlossen wir all die Bücher. Sie wurden dort gelassen, von Staub und Langeweile bedeckt, wie leere Gegenstände, wie tote Steine. Uns wurde gesagt, dass Lesen eine Pflicht sei, niemals, dass sie ein Zufluchtsort sein könne. Aber manchmal schleicht sich im Leben ein Buch zwischen die Ruinen. Ein Buch, das nicht aufgezwungen wurde, ein Buch, das nichts verlangt, ein Buch, das nur darauf wartet, dass es geöffnet wird. Also fangen wir in einer Nachtecke unter einer zu schwachen Lampe allein von vorne an. Man folgt einem Satz, wie man einer vergessenen Straße folgt. Man fängt an mit einem Wort wie einem vertrauten Gesicht. Und man versteht, zu spät oder gerade rechtzeitig, dass die Schule das Lesen doch nicht getötet hat. Sie hat es einfach nur unterirdisch gemacht. ( Dieser Text hat nichts mit Lehrern zu tun, die hervorragende Arbeit leisten, sondern mit einem Schulsystem, das Schüler ebenso wie Lehrer und vor allem die Lektüre kontrolliert. ) https://t.me/simonevoss
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